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Manfred Lütz: Irre

Man­fred Lütz, der Autor dieses populärwis­sen­schaft­li­chen Sach­buchs stu­dierte Me­dizin, Phi­lo­so­phie und ka­tho­li­sche Theo­logie. Als Fach­arzt für Neu­ro­logie und Psych­ia­trie mit psy­cho­the­ra­peu­ti­scher Zu­satz­aus­bil­dung wurde er Che­f­arzt eines ka­tho­li­schen Kran­ken­hauses in Köln und be­fasste sich prak­tisch mit ver­schie­denen Rich­tungen der the­ra­peu­ti­schen Ar­beit. Zudem ist er in ver­schie­denen Gre­mien der ka­tho­li­schen Kirche en­ga­giert. Er ver­fasste ver­schie­dene Sachbücher, zu­letzt das hier vor­zu­stel­lende "Irre! Wir be­han­deln die Fal­schen - unser Pro­blem sind die Nor­malen. Eine hei­tere See­len­kunde", in dem er dem in­ter­es­sierten Laien psy­chi­sche Er­kran­kungen und un­ter­schied­liche The­ra­pie­ver­fahren näher­bringen will.

Dabei setzt er sich im ersten Teil des Bu­ches - der Un­ter­titel des Bandes deutet es an - vor­nehm­lich mit den "Nor­malen" aus­ein­ander. Dabei un­ter­scheidet er zwi­schen dem "nor­malen Wahn­sinn", dem er zeit­ge­schicht­liche Er­schei­nungen wie Hitler, Stalin, Saddam Hussein und Osama bin Laden zu­rechnet, und dem "nor­malen Blödsinn", der sich in ver­meint­li­chen Pro­mi­nenten von Dieter Bohlen bis Paris Hilton, in der Co­medy oder der Eso­terik ma­ni­fes­tiert. In einem dritten Ab­schnitt dieses Ka­pi­tels be­trachter er die "blödsinnig Nor­malen", den Alltag, ihre An­pas­sungs­pro­zesse und Ab­gren­zungs­ver­suche, etwa in ver­schie­denen Mi­lieus, die für ihn ein Zer­split­tern des ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­hangs si­gna­li­sieren, das unter der Tünche der vor­herr­schenden po­li­tical cor­rect­ness vor­an­schreitet. Im zweiten Teil des Bu­ches be­fasst sich Lütz mit ver­schie­denen the­ra­peu­ti­schen Ver­fahren - von der Freud­schen Psy­cho­ana­lyse, die er al­ler­dings in mo­der­ni­sierten Wei­ter­ent­wick­lungen für an­ge­messen hält, über Ver­hal­tens­the­rapie und der sys­te­mi­schen The­rapie bis zur me­di­ka­mentösen Be­hand­lung. Er stellt deren Prin­zi­pien und Grund­lagen dar und il­lus­triert das Vor­gehen an­hand kon­kreter Bei­spiele. Ebenso verfährt er im dritten Teil des Bu­ches, wenn er ver­schie­dene psy­chi­sche Krank­heiten und Persönlich­keitsstörungen be­schreibt, Ur­sa­chen und Wir­kungen näher be­trachtet und ab und an auch the­ra­peu­ti­sche Fehl­schlüsse - durchaus selbst­kri­tisch be­nennt. Dabei nimmt die In­ter­na­tional Clas­si­fi­ca­tion of Di­seases (ICD) der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion (WHO) als Grund­lage. Dabei ver­mit­telt er auch einen Ein­blick in das Er­leben und die Ge­samt­persönlich­keit der Er­krankten und wahrt so ihre Mensch­lich­keit. Sucht, de­men­zi­elle Er­kran­kungen wie das Alz­hei­mer­syn­drom, Schi­zo­phrenie, De­pres­sionen und ma­ni­sche Er­kran­kungen werdem dem Leser verständ­lich und sys­te­ma­tisch vor­ge­stellt, Sym­ptome und mögliche The­ra­pieansätze ge­nannt, sodaß ein Laie an dieses Feld der Me­dizin ohne größere Verständ­nis­bar­rieren her­angeführt wird. Ergänzend be­han­delt er auch Er­kran­kungen und Störungen der Psyche, die erst in den letzten Jahr­zehnten ins den Fokus der Psych­ia­trie und Psy­cho­logie ge­nommen wurden : das post­trau­ma­ti­sche Be­las­tungs­syn­drom, Zwangs­er­kran­kungen und Pho­bien, die eben­falls ein­schnei­dende Folgen und Leiden bei den Be­trof­fenen her­vor­rufen. Ausdrück­lich nicht in seinen um­fas­senden Ka­talog auf­ge­nommen hat Lütz al­ler­dings jede Art der geis­tigen Be­hin­de­rung. Zum Ab­schluß des Bu­ches nimmt er noch einmal das "Nor­male" ins Blick­feld, denn in ihm sieht er vor allem - dank der diesem in­ne­woh­nenden Aus­gren­zungs­me­cha­nismen - große Ge­fahren für die psy­chisch Er­krankten, aber auch die Ge­sell­schaft selbst. Denn spätes­tens die to­talitären Sys­teme des zwan­zigsten Jahr­hun­derts vom Dritten Reich bis zum Sta­li­nismus haben be­wiesen, wie un­mensch­lich, tödlich und ef­fektiv solche Me­cha­nismen per­fek­tio­niert werden können. Er plädiert für ein Mi­tein­ander aller Bevölke­rungs­gruppen, gegen ein Ab­schieben psy­chisch Kranker in iso­lierte, fach­lich be­treute Ghettos, al­lein schon, weil viele der Er­kran­kungen the­ra­pierbar oder so zu lin­dern sind, daß eine In­te­gra­tion in nor­male ge­sell­schaft­liche Zu­sam­menhänge durchaus gewähr­leistet wäre, stünden nicht die Vor­ur­teile der "Nor­malen" da­gegen.

 

"Irre!" von Man­fred Lütz kann man im besten un hu­ma­nis­ti­schen Sinne als ein Buch der Aufklärung sehen und erfaßt damit zu­gleich die In­ten­tion des Au­tors. So macht er es dem Leser ein­fach und be­schreibt, erklärt Er­kran­kungs­formen und The­ra­pien, ohne auf wis­sen­schaft­liche Theo­riegebäude und fach­liche Ter­mi­no­logie zurück­zu­greifen. Während vor allem im ersten Teil ein eher iro­ni­scher Ton­fall mit durchaus scharfen Spitzen do­mi­niert, erhält sich Lütz in den beiden sach­li­chen Teilen des Bandes zwar eine an­ge­mes­sene Hei­ter­keit, wird aber im Ganzen um vieles ernst­hafter, sach­li­cher und begründeter. Genau an diesen Pas­sagen ist wenig aus­zu­setzen, mehr noch : man kann an­hand dieser dar­stel­lenden Teilen dem Buch nicht genug Leser wünschen, denn es trägt dazu bei, Phäno­mene und Krank­heiten be­greifbar, na­hezu er­fahrbar zu ma­chen, ohne ei­ner­seits fach­liche Ar­ro­ganz durch­scheinen zu lassen, an­de­rer­seits aber all­ge­mein ver­brei­tete Vor­ur­teile und Ängste zu verstärken, wie­wohl er nie­mals ver­schweigt, daß akute Er­kran­kungen auch Be­las­tungen für das un­mit­tel­bare Um­feld be­deuten. Etwas kri­ti­scher sehe ich den ersten Teil des Bu­ches, in dem er sich vor allem mit den Nor­malen beschäftigt.

"Nor­male" wurden im Nach­gang des Dritten Rei­ches zu einem Thema der Psy­cho­logie und Psych­ia­trie, denn man suchte nach Wegen, das Ver­halten und die Taten "ganz nor­maler" Per­sonen zu erklären, die die in­dus­tri­elle Ver­nich­tung ganzer Bevölke­rungs­gruppen be­fahlen, ausführten oder ent­weder still­schwei­gend begüns­tigten bzw. dul­deten. So beschäftigte sich Hannah Arendt mit der "Ba­nalität des Bösen", dia­gno­s­ti­zierten Mar­ga­rete und Alex­ander Mit­scher­lich "Die Unfähig­keit zu trauern", die die Ver­ar­bei­tung der Ge­walt­herr­schaft in den sech­ziger Jahren der Bun­des­re­pu­blik wei­terhin ver­hin­derte. Wirk­lich deut­lich und psy­cho­lo­gisch - theo­re­tisch wurde in den acht­ziger Jahren dann der Psy­cho­ana­ly­tiker und The­ra­peut, der sich des Themas in seinen Büchern "Der Verrat am Selbst" und vor allem "Der Wahn­sinn der Nor­malität" be­fasste. Er ver­suchte darin, die mensch­liche De­struk­tivität zu ergründen und dafür eine grund­le­gende Theorie zu schaffen. Seine Haupt­these lau­tete, wenn ein Kind sich früh der Macht seiner El­tern an­passe, übe es - frei­willig und im Aus­tausch gegen ver­meint­liche Gunst - einen Verrat am Selbst, der letzt­lich einen Selbsthaß ver­ur­sache, der mit dem ge­samten In­nen­leben, den Gefühlen ab­ge­spalten und ver­borgen werde. Die Folge daraus seien die "Nor­malen", die ent­weder zu Kon­for­misten würden, manchmal Re­bellen, ab und an aber Macht­men­schen, die un­sere Realität mit De­struk­tivität ge­stal­teten - als Ma­nager, Po­li­tiker und in ex­tremster Form als Psy­cho­pa­then und Dik­ta­toren. Gruen sieht also in der Person Hit­lers durchaus psy­cho­pa­tho­lo­gi­sche Züge, die ihm Lütz ausfrück­lich nicht zu­bil­ligen mag - für ihn ist Hitler ge­sund, stark und kei­nes­wegs be­hand­lungsbedürftig. Er be­ruft sich dabei auf Joa­chim Fests Hitler - Bio­gra­phie. Das er­scheint mir wenig ein­leuch­tend, noch we­niger nach­voll­zie3hbar begründet : Wären Hitler oder an­dere Täter wie Stalin, Saddam Hussein krank ge­wesen, wären sie nicht so lange und un­un­ter­bro­chen hand­lungsfähig ge­blieben.

Das, was das Buch so gut lesbar, teil­weise auch un­ter­hal­tend macht, ist in der be­son­deren Ausprägung im ersten Teil für mich auch ein Pro­blem. Der Leser er­tappt sich zeit­weise bei einem immer wie­der­keh­renden bestäti­genden Ni­cken und gleitet ver­mut­lich auch über ei­nige Wi­der­stands­li­nien hinweg, die er bei rein sach­li­cher Be­hand­lung des Themas durchaus - und schmerz­haft - gespürt hätte. Zudem ent­hebt der Erzählton den Autor so­wohl von na­chal­tigen Begründungen wie auch sch­lichten theo­re­ti­schen Bezügen und Nach­weisen. Ab und an mag man sogar eine re­ligiöse Par­tei­lich­keit at­tes­tieren, wenn er etwa Co­medy als voll­kommen sinnlos dar­stellt, kurz vorher aber den Kar­neval als Rück­zugs­ge­biet der be­freiten Mensch­lich­keit feiert, als ob dieser an­dere, stärkere In­halte hätte als eben Zoten, Al­kohol und Bestäti­gung vor­nehm­lich erz­kon­ser­va­tiver Vor­ur­teile. Mit der­selben Beiläufig­keit be­wahrt er den hei­ligen Fran­ziskus - ob­wohl dieser die Stimme Gottes zu hören ver­meinte - vor der Dia­gnose "Schi­zo­phrenie" und nennt ihn ge­sund. Ich mag so­weit folgen, als daß er nach des Au­tors ei­genen Maßstäben - nicht lei­dend, nie­mandem, auch sich selbst nicht scha­dend - nicht wirk­lich be­hand­lungsbdürftig sei. Doch von "ge­sund" zu spre­chen, halte ich für ge­wagt.

Eine wich­tige Rolle spielt ge­rade im An­fangs­teil der freie Wille des Men­schen. In den Ab­schnitten über die Formen der The­rapie taucht dieser auch auf, re­la­ti­viert als the­ra­peu­ti­sche Per­spek­tive, als eine Art an eine Er­kran­kung her­an­zu­gehen, da ja krank­hafte Pro­zesse im Ge­hirn oder der Psyche den freien Willen zeit­weise, ge­rade in akuten Sta­dien ein­schränken können. Im ersten Teil al­ler­dings steht der freie Wille als mehr oder we­niger ab­so­lutes Phänomen. Natürlich ist der freie Wille in der west­li­chen Ge­sell­schaft und in der christ­li­chen Re­li­gion ein grund­le­gen­desw Axiom, ohne den beide nicht funk­tio­nieren könnten. Und doch ist diese Grund­de­fin­tion der mensch­li­chen Exis­tenz nicht un­an­ge­zwei­felt, weder von früheren re­ligiösen Theo­rien, noch von Phi­lo­so­phen oder in jüngster Zeit von Hirn­for­schern. Er­kennt­nisse der Hirn­for­schung, die sehr wohl am ge­sell­schaft­li­chen und vor allem am mo­ra­li­schen Fun­da­ment rütteln könnten, lehnt er nicht rundweg ab, sieht sie al­ler­dings - wahr­schein­lich im Ein­klang mit den meisten - als nur eine Di­men­sion der mensch­li­chen Exis­tenz. Denn es kann und darf ja daher nicht sein, daß die Hand­lungen eines Men­schen nur durch Hirn­struk­turen be­stimmt würden, durch phy­sio­lo­gi­sche Ab­wei­chungen von jeg­li­cher Ver­ant­wor­tung be­freiten. Das nämlich ginge an die Sub­stanz der Ge­sell­schaft wie jedes ethi­schen Sys­tems, etwa der Re­li­gion. Das al­ler­dings er­scheint mir zwar erklärbar, aber nicht wirk­lich be­frie­di­gend. Sollten sich die Thesen auf Dauer ve­ri­fi­zieren lassen, wird man wohl kaum umhin kommen, Ge­sell­schaft neu zu denken.

Trotz meiner - viel­leicht allzu sub­jek­tiven - Einwände, halte ich das Buch vor allem in seinen sach­li­chen Teilen für gut ge­lungen und wichtig. Es ist gut lesbar und verständ­lich. Die Bot­schaft, der Aus­gren­zung und ge­sell­schaft­li­chen Äch­tung psy­chisch Kranker keine Chance zu geben, son­dern deren In­te­gra­tion zu befördern und ei­gene Vor­ur­teile und Berührungsängste ab­zu­bauen, ist zu­tiefst human und lo­bens­wert.

Eine Über­nahme aus dem We­blog Ti­niaden

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