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MehrWert oder mehr wert!? Warum Frauen in der Buchbranche nicht das Sagen haben

2010 machten sich die Bücher­Frauen, die sich seit zwei Jahr­zehnten für die Be­lange der Frau in der Buch­branche stark ma­chen, zum 20-jährigen Be­stehen ihres Netz­werkes ein be­son­deres Ge­schenk. Sie be­auf­tragten Dr. Romy Fröhlich, Pro­fes­sorin für Kom­mu­nika­ti­ons­wis­sen­schaft an der Ludwig-Ma­xi­mi­lians-Uni­versität in München, mit der ersten breit an­ge­legten quan­ti­ta­tiven Er­he­bung zur be­ruf­li­chen Si­tua­tion von Männern und Frauen in der Ver­lags- und Buch­branche. Die Er­geb­nisse wurden im Herbst des Jahres pu­bli­ziert. Seither haben wir es auch Schwarz-auf-Weiß, dass die deut­sche Buch­branche weib­lich ist!

Mehr als 80% der­je­nigen, die im Buch­handel und Ver­lags­wesen beschäftigt sind, gehören dem weib­li­chen Ge­schlecht an. Wobei die Vor­herr­schaft des Fe­mi­ninen in der Branche kein neuer Trend ist. Im Ge­gen­teil. Seit nun­mehr 50 Jahren do­mi­nieren Frauen das Feld, auf dem Bücher wachsen. Wohl hat die quan­ti­ta­tive Über­macht den Frauen nichts ge­bracht. De­tail­liert weist Romy Fröhlich nach, dass die ge­schlechts­s­pe­zi­fi­schen Un­ter­schiede in der Buch­branche klas­sisch sind. Das heißt: Ob­wohl die Buch­branche "fe­mi­ni­siert" ist, ist die Frau dem Mann nicht gleich­ge­stellt.

Die em­pi­ri­schen Daten bestätigen den Status Quo. Zwar ist die Gleich­be­rech­ti­gung von Mann und Frau längs­tens ge­setz­lich ver­an­kert und wird als solche kaum noch in Frage ge­stellt, prak­tisch rea­li­siert ist sie je­doch nir­gends. Wie in an­deren Be­rufs­fel­dern kommen die Frauen in der Buch­branche zu kurz: Ob­wohl Frauen überzählig sind, haben Männer häufiger höhere Po­si­tionen inne. Bei glei­cher be­ruf­li­cher Tätig­keit ver­dienen Frauen we­niger als ihre männ­li­chen Kol­legen. Mehr noch: Die Be­rufs­gruppe der Ver­lags­kauf­leute und Buchhändler/innen zählt in Deutsch­land zu jenen vier Be­rufs­gruppen, die die größten Ge­halts­un­ter­schiede zwi­schen den Ge­schlech­tern auf­weisen. Auch ein höherer Bil­dungs­ab­schluss mehrt bei Frauen das Ein­kommen nicht, bei Männern hin­gegen schon. Last but not the least: Während sich El­tern­schaft bei Männern, die in Ver­lagen oder im Buch­handel ar­beiten, po­sitiv auf Ge­halt und Ein­kommen aus­wirken, be­steht bei Frauen hier ein ne­ga­tiver Zu­sam­men­hang; d.h.: sie ver­dienen im Falle einer Mut­ter­schaft sogar we­niger.

Die Studie von Romy Fröhlich präsen­tiert ernüch­ternde Daten, die al­ler­dings kaum spek­takulär sind. Im Grunde ge­nommen spie­gelt die von den Bücher­Frauen in Auf­trag ge­ge­bene Un­ter­su­chung die Si­tua­tion der er­werbstätigen Frau in Deutsch­land im Jahr 2010 le­dig­lich wider. Des­halb sei an dieser Stelle die spitz­fin­dige Frage er­laubt, ob die Lösung der Frau­en­frage da­durch vor­an­treiben werden kann, wenn real exis­tie­rende Be­nach­tei­li­gungen em­pi­risch ve­ri­fi­ziert werden? Wel­chen prak­ti­schen Nutzen haben Fakten, die doch nur den herr­schenden Status bestätigen? Diese Skepsis ist umso an­ge­brachter, wo le­dig­lich nackte Fakten zur miss­li­chen Lage der Frauen in der Buch­branche dar­ge­boten, aber keine kon­kreten Lösungs­vor­schläge für die Mi­sere for­mu­liert werden.

Im Klar­text: Von Be­deu­tung ist die Studie der Bücher­Frauen nicht des­halb, weil Romy Fröhlich erst­mals den em­pi­ri­schen Nach­weis er­bringt, dass Frauen in der Buch­branche be­nach­tei­ligt sind. (Womit das langjährige En­ga­ge­ment der Bücher­frauen end­lich auch seine wis­sen­schaft­lich le­gi­ti­mierte Recht­fer­ti­gung ge­funden hätte.) Der Wert der Un­ter­su­chung be­misst sich m.E. viel­mehr an den Fra­gen­zei­chen, die die Daten auch auf­werfen. Wie kommt es, dass Frauen trotz einer in­zwi­schen his­to­risch ver­brieften Vor­herr­schaft von nun­mehr 50 Jahren noch immer nicht das Sagen in der Buch­branche haben? – Eine mögliche Erklärung: Frauen haben eine Schere im Kopf, die we­sent­lich zu ihrer Dis­kri­mi­nie­rung und (Selbst) Aus­beu­tung beiträgt.

Wie jede an­dere Schere hat auch diese zwei Schneiden. Da ist zum einen jene, die ich fe­mi­ninen Al­truismus nennen möchte. Frauen neigen dazu, Realitäten zu ver­kennen und ihr Licht unter den Scheffel zu stellen. Laut Romy Fröhlich ten­dieren sie u.a. dazu, ihre tatsäch­li­chen Ar­beits­markt- und Auf­stiegschancen zu un­terschätzen (Männer überschätzen sie). Zudem be­ur­teilen sie die wirt­schaft­liche Lage der Branche schlechter, als sie es tatsäch­lich ist. Er­staun­lich ist, dass Frauen die tech­ni­schen und tech­no­lo­gi­schen Verände­rungen, die un­sere Branche der­zeit umwälzen, nicht im Blick haben. Für ab­surd halte ich, dass Frauen es für sich persönlich als ge­recht an­sehen, dass sie ein ge­rin­geres Brut­to­ein­kommen als Männer er­halten. Mehr noch: Frauen ge­stehen sich nicht nur einen schma­leren Ver­dienst zu als Männer. Noch dazu begründen sie das Ge­haltsgefälle mit Hin­weisen auf ihre ge­rin­gere Leis­tung in­folge Mut­ter­schaft und Dop­pel­be­las­tung in Fa­milie und Beruf. (BTW: Frauen sind in der Buch­branche mehr­heit­lich kin­derlos.)

Die an­dere Bar­riere, die sich kon­tra­pro­duktiv zur Gleich­stel­lung und -be­rech­ti­gung verhält, speist sich aus einer ge­schlechts­un­spe­zi­fi­schen Hal­tung, die in der Buch­branche weit ver­breitet ist. Ich meine die "Lei­den­schaft für Bücher", die oft genug den Aus­schlag dafür gibt, warum Mann/Frau sich über­haupt für eine Tätig­keit in Ver­lagen oder im Buch­handel ent­scheidet. Statt gegen Un­ge­rech­tig­keiten und schlechte Be­din­gungen am Ar­beits­platz auf­zu­be­gehren, schreibt man sich die Si­tua­tion lieber schön: "Zwar ver­diene ich wenig, mache zu viele Über­stunden, aber: Wer kann schon von sich be­haupten, sein Hobby zum Beruf ge­macht zu haben?" – Dass allzu große Hin­gabe auch für die Op­fer­rolle qua­li­fi­ziert, wird gerne ver­gessen.

Die Liebe zum Buch, eine al­truis­ti­sche Hal­tung, die von den persönli­chen Stärken und Rechten ab­sieht, und die Ten­denz, Realitäten zu ver­kennen, scheinen mir we­sent­lich dafür ver­ant­wort­lich zu sein, warum Frauen die Po­si­tion nicht be­haupten, die sie sich in der fe­mi­ni­sierten Buch­branche de facto längst er­stritten haben. Sie trauen ihren Stärken nicht und ver­kaufen sich unter Wert, womit sie ihre tatsäch­liche Macht­po­si­tion frei­willig ad ab­surdum führen.

Ich meine, uns Frauen man­gelt es ein­fach viel­fach an Selbst­be­wusst­sein. Des­halb er­laube ich mir, die Ti­telei "Mehr­Wert", für die sich die Bücher­Frauen für ihre Studie ent­schieden haben, leicht zu kor­ri­gieren, indem ich ein Leer­zei­chen einfüge und ein wenig an der Groß- und Klein­schrei­bung drehe: "Mehr wert." Frauen, ihr seid mehr wert! Stärkt euer Selbst­be­wusst­sein! Be­kennt euch zu euren Stärken und eurer starken Po­si­tion in der Buch­branche!

Ge­sine von Pritt­witz
3. Ja­nuar 2011

Bücher­Frauen e.V. (Hrsg): Mehr­Wert. Ar­beiten in der Buch­branche heute, Sulz­bach/Taunus: Ul­rike Helmer Verlag 2010

 

Kommentare

  • Der hat im Herbst 2008 als Debütant in Deutschland...
  • Danke für den Tipp, Tiniaden. Nie von diesem Autor...
  • Joachim Kaiser nannte die Haskil, die ab ihrer Pub...

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