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Warum ich 2011 kein Buch verlege. Ein "offener Brief" von Lisette Buchholz, persona Verlag

{jcom­ments on}Am 1. No­vember 1983 gründete Li­sette Buch­holz den per­sona Verlag in Mann­heim, um Le­sern un­be­kannte Texte aus dem deut­schen und öster­rei­chi­schen Exil 1933-1945 zugäng­lich zu ma­chen. Die erste Pu­bli­ka­tion war der Roman „Manja“ von Anna Gmeyner, der in­zwi­schen in der vierten Auf­lage vor­liegt. Zu Aus­gra­bungen und Ent­de­ckungen aus der Zeit des Exils kamen im Laufe der Zeit ver­wandte Titel und Su­jets: Dich­te­rinnen der zwan­ziger Jahre, Erzählungen und Ro­mane, die sich mit der Zeit der deut­schen Be­sat­zung in europäischen Ländern wie Nie­der­lande, Nor­wegen, Finn­land, Frank­reich und Ju­go­sla­wien beschäftigen, rus­si­sche und is­rae­li­sche Li­te­ratur, zeitgenössi­sche deutsch­spra­chige Au­to­rinnen, ein Roman über die Be­la­ge­rung von Sa­ra­jewo und ein Buch für Bi­blio­phile. Zu­letzt er­schienen ist der Essay­band „Juden narren Deut­sche“ von Hazel Ro­sen­strauch. Lie­ferbar sind der­zeit 35 Titel.

Warum 2011 erst­mals in der Ge­schichte des Ver­lages kein neues Buch er­scheinen wird, erläutert Ver­le­gerin Li­sette Buch­holz Freunden des Ver­lages in einem be­mer­kens­werten Brief, den ich hier be­kannt ma­chen darf:

„Die Erde würde ohne uns Men­schen auch ganz gut laufen, meinte der scharfzüngige Wolf­gang Neuss. Und manchmal denke ich, das gilt auch für den Li­te­ra­tur­be­trieb, der Li­te­ratur ei­gent­lich gar nicht braucht. Die Puzz­le­teil­chen der Branche lassen sich ge­winn­brin­gend zu immer neuen Mus­tern zu­sam­men­setzen, ohne dass wirk­lich Neues nötig wäre. Fes­ti­vals, Preis­ka­rus­selle, In­ter­views, Hit- und Hot­listen, Talks­hows, Star­fotos von Schrift­stel­lern und Schrift­stel­le­rinnen, die sich für Hoch­glanz­ma­ga­zine eignen, mit den pas­senden Ho­me­storys – das reicht, um den Be­trieb am Laufen zu halten.

Nach­denken? Nach­sinnen? Einen Schritt bei­sei­te­treten? Das Feld räumen? Aufräumen? Von wegen. Das Leben, zumal das li­te­ra­ri­sche, ist eine Ach­ter­bahn.

Jeden Don­nerstag, wenn ich das Börsen­blatt aus dem Kasten ziehe, weiß ich schon, welche Gefühle mich er­regen werden, wenn ich es durchblättere. Ist das noch meine Branche? Habe ich einen Verlag gegründet, um dabei mit­zutun? Ich sehe meine Au­to­rinnen und Au­toren vor mir – sie eignen sich zu al­ledem nicht. Die­je­nigen, die nicht mehr leben, schon gar nicht. Zu ernst­haft, zu selbstständig, zu wenig markt­ge­recht, waren bzw. sind sie nie an den rich­tigen Orten, um ein­schlägige Kon­takte zu knüpfen. Alle Vor­aus­set­zungen für den Beruf des Ada­beis fehlen ihnen. Manche leben im Aus­land und sind in Deutsch­land schwer un­ter­zu­bringen.

Die ag­gres­sive Ver­mark­tung von Li­te­ratur mag über den At­lantik zu uns herüber­ge­schwappt sein. Schon Vicky Baum wusste davon ein Lied zu singen. Trotzdem liebe ich die Li­te­ra­tur­kri­tiker der New York Times. Man erfährt tatsäch­lich etwas über die be­spro­chenen Bücher und deren Ver­fasser und re­lativ wenig über die Scri­benten der Re­zen­sion. Hier­zu­lande über­wu­chert die Kritik oft die Pro­duk­tion. Und so er­freu­lich die Exis­tenz zahl­rei­cher Li­te­ra­tur­preise und -sti­pen­dien ist, zei­tigen sie so etwas wie eine Förder­li­te­ratur, deren ge­mein­sames Merkmal …  nun, lassen wir das.

Ich werde den Ver­dacht nicht los, dass der blu­tige Ader­lass von 1933 Gräben hin­terließ, die immer noch spürbar sind. Er­mor­dung und Ver­trei­bung töteten auch eine Tra­di­tion kri­tisch ge­pflegter Sprache. Die Exil­li­te­ratur ist die letzte Tranche der deutsch­spra­chigen Klassik. Stellen Sie sich Walter Ben­jamin oder Georg Her­mann auf einem der heute übli­chen Mega-Events vor. Sie würden nicht an­reisen, glaube ich, ob­wohl Hein­rich Mann es zu seinen schönsten Vor­lese-
Er­leb­nissen zählte, in einem großen Ber­liner Kauf­haus während der Geschäfts­zeit auf­zu­treten. Im­merhin gibt es auch bei toten Au­toren jener Epoche un­ver­hoffte, durchaus er­folg­reiche Wie­der­be­le­bungs­ver­suche. Der Im­puls dazu geht oft von einem an­deren Land aus, so ge­schehen bei „Alone in Berlin“ von Fal­lada.

Es ist nicht nur die Qualität der heute ge­pu­shten, über­morgen ver­ges­senen Best­seller, die mich vor den Kopf schlägt, son­dern auch die schiere Quantität. Würden sich alle Ver­lage auf drei Titel im Jahr be­schränken, könnten wir diese Pro­duk­tion zur Kenntnis nehmen. Aber so? Muss es denn so viel sein? Ver­dauen wir Ka­viar und Sahne in Ki­lo­por­tionen? Oder nur dünne Suppen und Pommes?

Mein ver­le­ge­ri­sches Über-Ich quält mich mit Vorwürfen. Tat­sache ist, dass ich in diesem Jahr keinen neuen Titel ver­lege. Es gibt eine Pro­duk­ti­ons­pause. Nicht nur Geld­sorgen haben diesen Ent­schluss befördert. Ich habe keinen Titel ge­funden, bei dem es gekrib­belt hätte. Und krib­beln muss es. Wenn schon keine Aus­sichten be­stehen, mit einer Neu­er­schei­nung, einer über­setzten zumal, in ab­seh­barer Zeit schwarze Zahlen zu er­rei­chen, muss es we­nigs­tens ein Buch sein, für das mein Herz schlägt. Apropos Li­zenzen: Auch dieser Markt wu­chert. Es grenzt an Wahn­sinn, was manche Agen­turen ver­langen. Aber wenn man be­denkt, dass bei markt­kon­formen Ti­teln lu­kra­tive Zweit- und Dritt­ver­mark­tungen winken, sind diese Preise leider ge­recht­fer­tigt. TV-Filme, Se­rien, Ki­no­filme, Un­ter­li­zenzen aller Art sowie das ganze Mer­chan­di­sing: Ben­ja­mins Deut­sche Men­schen als Plüsch­ge­stalten, Jett­chen Ge­bert als An­zieh­puppe oder vir­tu­elle Person im in­ter­ak­tiven Spiel.

Die Zu­nahme von Gra­phic No­vels deutet darauf hin, dass eine ge­wisse Übersätti­gung am allzu Bunten ein­ge­treten ist. Go­thic- und Fan­ta­sy­titel da­gegen ver­langen knal­lige Cover und die ent­spre­chende Wer­bung. Auch die Vor­schauen werden immer opu­lenter und erin­nern an Li­festyle-Wer­be­pro­spekte. Seit Jahren haben wir uns an die Heer­scharen von Manga-Kostümierten auf den Buch­messen gewöhnt. Ein ur­li­te­ra­ri­sches Er­lebnis. Laut Sta­tistik ist al­ler­dings der Markt­an­teil dessen, was wir Li­te­ratur nennen, am Buch­ver­kauf ver­schwin­dend ge­ring. Über­haupt Messen: Warum dürfen wir nicht ver­kaufen? An­ge­sichts einer Buchhänd­lerin, die mir allen Ernstes erklärt, wenn sie einen Titel bei Amazon nicht findet, sei der nicht lie­ferbar? VLB – ein Fremd­wort. Auf die Idee, beim Verlag nach­zu­fragen, ist sie nicht ge­kommen. Dazu fällt mir nichts mehr ein. Da hilft nur noch schot­ti­scher Whisky.

Die Back­list war früher der Kron­schatz der Ver­lage, unser Rück­grat. Heute bricht sie uns in Form der La­ger­kosten das Ge­nick, denn so gut wie nie­mand möchte ein altes Buch be­stellen. Alt, das be­deutet: keine Neu­er­schei­nung. Neu heißt: ein bis drei Mo­nate alt. Auch in den Feuil­le­tons gilt ein Titel als alt, wenn er in der vor­an­ge­gan­genen Saison er­schienen ist. Erst gab es leider keinen Platz, ihn vor­zu­stellen, dann ist er zu alt. Was der Buch­handel liebt, heißt „Schnell­dreher“. Heute rein, morgen raus. Die Be­zie­hung zwi­schen Kunst und Kom­merz gehört zu den uner­forsch­lichsten. Ich grüble viel darüber nach und komme zu keinem Ende. Die übliche Paar­the­rapie greift hier nicht.

Ob das E-Book uns glück­lich macht? Ich hege starke Be­denken, was pas­siert, wenn mir der Kindle in die Ba­de­wanne fällt. Oder sich beim Schmökern im Bett der Akku ent­leert. Da bleibt dann nur die Me­di­ta­tion über den leeren Bild­schirm. Non-Books sind oh­nehin der Renner!

Georg Her­mann un­ter­schied zwi­schen Büchern, die uns etwas geben, und sol­chen, die nur in­ter­es­sieren. Wann hast Du zu­letzt ein Buch ge­lesen, dass Dir etwas gab? Du kannst es mehr­fach lesen, Du wirst immer neue Seiten an ihm ent­de­cken. War es bloß in­ter­essant, wirst Du es wei­ter­ver­schenken oder ihm einen Platz auf einer Park­bank zu­weisen.
Ich mache jetzt einen Spa­zier­gang und denke über rätsel­hafte Ge­dicht­zeilen von Josef Brodski nach. Sie beschäftigen mich übri­gens schon eine ganze Weile. Man kann sie wie eine Murmel hin- und her­wenden und immer leuchten sie ein biss­chen an­ders. Mehr Leuchten wär schön. Licht, zumal Blitz­licht, haben wir ja genug im Li­te­ra­tur­be­trieb.

© Li­sette Buch­holz, per­sona verlag

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  • Der hat im Herbst 2008 als Debütant in Deutschland...
  • Danke für den Tipp, Tiniaden. Nie von diesem Autor...
  • Joachim Kaiser nannte die Haskil, die ab ihrer Pub...

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