Sie haben ein Buch über Ihren Ausstieg aus der aktiven Politik geschrieben, das vornehmlich ein Buch über die Stille ist. Sind Politik und Stille nicht gegensätzlicher Natur, zwei Paar Stiefel sozusagen?
Auf den ersten Blick scheinen sich beide Seiten auszuschließen. Aber es gab und gibt auch immer wieder Politiker, die beides zu verbinden wussten. Dag Hammarskjöld zum Beispiel.
Stille wird häufig ambivalent wahrgenommen. Einerseits sehnen wir uns danach, andererseits ängstigt sie uns. Wie erklären Sie sich diese Widersprüchlichkeit?
Tiefe Stille konfrontiert uns mit uns selbst. Wer sehr aktiv, „nach außen“ lebt, ahnt, dass da im Inneren Dinge zum Vorschein kommen könnten, die unangenehm sind. Vielleicht kommt eine Scheu vor wirklicher Stille daher.
Es scheint, dass Sie mit Ihrem Buch „Notbremse. Ein Politjunkie entdeckt die Stille“ einen Nerv der Zeit getroffen haben. Das jedenfalls legen auch die persönlichen Stellungnahmen nahe, die Sie bislang erhalten haben …
Ja, ich bin überrascht und freue mich, dass mir insbesondere Männer im mittleren Alter schreiben. Es ist im Text vielleicht etwas "zur Sprache gekommen", das auch andere bewegt. Das ist eine sehr schöne Erfahrung.
Sie laden bei Facebook zum „Nachtgespräch“ Dort suchen Sie ein Gespräch mit Lesern und Leserinnen über Fragen, die „ein Buch über Stille aufwirft: Fragen an das, was uns eigentlich trägt; kritische Fragen an die Leistungsgesellschaft; Suche nach Orientierung.“ – Wie lässt sich der Austausch über solch‘ existenzielle Themen in einem sozialen Netzwerk an?
Die Seite „Nachtgespräche“ bei Facebook ist ein Experiment. Ich will sehen, ob über ein solches "Instrument" ein Dialog beginnen kann. Und tatsächlich: Menschen, die auf dieser Seite "vorbeigeschaut" haben, schicken mir dann manchmal auch eine Mail über meine Homepage – und dann beginnt ein Dialog. Manchmal treffe ich diese Menschen sogar persönlich. Und wir sitzen bei mir in der Wohnung und reden miteinander.(Nachtgespräch)
Mir scheint, dass Sie ein "alter Hase" im Web 2.0 sind. Seit wann sind Sie bei Facebook, Twitter & Co aktiv und was gab den Ausschlag dafür?
Ich wollte es lernen. Hatte viel davon gehört, aber keine eigene Erfahrung. Jetzt, im Sabbatical ist gute Gelegenheit, Neues zu lernen. Manchmal ist es für mich wie „eine neue Sprache lernen“.
Wie stehen Sie zu der These, dass sich mit Web 2.0 der öffentliche Diskurs radikal verändern wird?
Ich glaube auch, dass sich das Zusammenspiel von Politik, Medien (Print, Radio, TV) und den Menschen im Lande durch Web 2.0 stark verändern wird, denn die Netzwerke leben vom wirklichen Dialog. Dadurch wird eine Menge Kreativität frei. Das ist sehr bereichernd.
Sie sind in der DDR aufgewachsen, waren als Jugendpfarrer in der Bürgerbewegung aktiv. – Das Ende der DDR läutete letztlich eine Abstimmung mit den Füßen ein: Zunächst kehrte man dem Staat den Rücken, indem man massenhaft "rüber machte", dann ging man im eigenen Land auf die Straße. – Trauen Sie einem Engagement im Netz, quasi per Mausklick, vergleichbare Macht zu?
Ja. Dieser Prozess beginnt in Deutschland gerade. Ich konnte es bei den Online-Petitionen zum Kinderschutz im Internet, bei der Kampagne zur Finanztransaktionssteuer und zuletzt bei der Kandidatur von Joachim Gauck zum Bundespräsidenten sehen und mit beeinflussen. Die Social Networks haben einen sehr großen Einfluss. Das wird noch mehr werden.
Sie haben sich im November letzten Jahres eine einjährige Auszeit verschrieben. Nun haben Sie in diesem Jahr ein Buch geschrieben, engagieren sich politisch, bestreiten Lesungen aus Ihrem Buch, führen Nachtgespräche bei Facebook … Stille meint demnach keinen Stillstand?!
Als ich mit dem Sabbatical begann, hatte ich gedacht: "Entweder – oder". Also: entweder ganz "Stille" oder ganz "Arbeit und Engagement". Ich lerne, dass diese Dinge für mich zusammengehören. Es ist eine Frage der Balance. Ich kann diese Balance nur halten, wenn ich regelmäßig "in die Stille gehe", d.h. sie regelrecht "einübe". Eine Stunde am Tag, manchmal auch mehr.
Was raten Sie Menschen, die sich nach Stille sehnen?
Man kann Angebote annehmen, in denen man lernt, Stille zu erleben. Es gibt erfahrene Lehrer, die einem helfen, das richtige Atmen, die richtige Körperhaltung, das rechte Hören zu erlernen. Ein gewisses Handwerkszeug ist hilfreich, wenn man das Reich der Stille wirklich betreten will. Das können Meditationskurse sein, das kann ein Aufenthalt in einem Kloster (Kloster auf Zeit) sein. Es ist individuell unterschiedlich. Vielleicht könnte man mit einem Gespräch beginnen. Um herauszufinden, was der Mensch sucht, der sich nach Stille sehnt …
Fragen: Gesine von Prittwitz, 23. Juli 2010