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AUTOREN-GESPRÄCHE/ WAS AUTOREN ÜBER IHRE ARBEIT SAGEN

Audio: "Notbremse" Domradio interviewt Ulrich Kasparick

via You­Tube

Te­le­fon­in­ter­view Ul­rich Kas­pa­rick mit dem Dom­radio Köln am 11. Juli 2010 . Das Buch "Not­bremse - Ein Po­li­ti­kjunkie ent­deckt die Stille" ist im Güters­loher Ver­lags­haus er­schienen.

 

Stille meint keinen Stillstand. Ein Gespräch mit dem Aussteiger Ulrich Kasparick

Sie haben ein Buch über Ihren Aus­stieg aus der ak­tiven Po­litik ge­schrieben, das vor­nehm­lich ein Buch über die Stille ist. Sind Po­litik und Stille nicht ge­gensätz­li­cher Natur, zwei Paar Stiefel so­zu­sagen?
Auf den ersten Blick scheinen sich beide Seiten aus­zu­schließen. Aber es gab und gibt auch immer wieder Po­li­tiker, die beides zu ver­binden wussten. Dag Ham­marskjöld zum Bei­spiel.
Stille wird häufig am­bi­va­lent wahr­ge­nommen. Ei­ner­seits sehnen wir uns da­nach, an­de­rer­seits ängs­tigt sie uns. Wie erklären Sie sich diese Wi­dersprüch­lich­keit?
Tiefe Stille kon­fron­tiert uns mit uns selbst. Wer sehr aktiv, „nach außen“ lebt, ahnt, dass da im In­neren Dinge zum Vor­schein kommen könnten, die un­an­ge­nehm sind. Viel­leicht kommt eine Scheu vor wirk­li­cher Stille daher.
Es scheint, dass Sie mit Ihrem Buch „Not­bremse. Ein Po­lit­junkie ent­deckt die Stille“ einen Nerv der Zeit ge­troffen haben. Das je­den­falls legen auch die persönli­chen Stel­lung­nahmen nahe, die Sie bis­lang er­halten haben …
Ja, ich bin über­rascht und freue mich, dass mir ins­be­son­dere Männer im mitt­leren Alter schreiben. Es ist im Text viel­leicht etwas "zur Sprache ge­kommen", das auch an­dere be­wegt. Das ist eine sehr schöne Er­fah­rung.
Sie laden bei Fa­ce­book zum „Nacht­gespräch“ Dort su­chen Sie ein Gespräch mit Le­sern und Le­se­r­innen über Fragen, die „ein Buch über Stille auf­wirft: Fragen an das, was uns ei­gent­lich trägt; kri­ti­sche Fragen an die Leis­tungs­ge­sell­schaft; Suche nach Ori­en­tie­rung.“ – Wie lässt sich der Aus­tausch über solch‘ exis­ten­zi­elle Themen in einem so­zialen Netz­werk an?
Die Seite „Nacht­gespräche“ bei Fa­ce­book ist ein Ex­pe­ri­ment. Ich will sehen, ob über ein sol­ches "In­stru­ment" ein Dialog be­ginnen kann. Und tatsäch­lich: Men­schen, die auf dieser Seite "vor­bei­ge­schaut" haben, schi­cken mir dann manchmal auch eine Mail über meine Ho­me­page – und dann be­ginnt ein Dialog. Manchmal treffe ich diese Men­schen sogar persönlich. Und wir sitzen bei mir in der Woh­nung und reden mi­tein­ander.(Nacht­gespräch)
Mir scheint, dass Sie ein "alter Hase" im Web 2.0 sind. Seit wann sind Sie bei Face­book, Twitter & Co aktiv und was gab den Aus­schlag dafür?
Ich wollte es lernen. Hatte viel davon gehört, aber keine ei­gene Er­fah­rung. Jetzt, im Sab­ba­tical ist gute Ge­le­gen­heit, Neues zu lernen. Manchmal ist es für mich wie „eine neue Sprache lernen“.
Wie stehen Sie zu der These, dass sich mit Web 2.0 der öffent­liche Dis­kurs ra­dikal verändern wird?
Ich glaube auch, dass sich das Zu­sam­men­spiel von Po­litik, Me­dien (Print, Radio, TV) und den Men­schen im Lande durch Web 2.0 stark verändern wird, denn die Netz­werke leben vom wirk­li­chen Dialog. Da­durch wird eine Menge Krea­tivität frei. Das ist sehr be­rei­chernd.
Sie sind in der DDR auf­ge­wachsen, waren als Ju­gend­pfarrer in der Bürger­be­we­gung aktiv. – Das Ende der DDR läutete letzt­lich eine Ab­stim­mung mit den Füßen ein: Zunächst kehrte man dem Staat den Rücken, indem man mas­sen­haft "rüber machte", dann ging man im ei­genen Land auf die Straße. – Trauen Sie einem En­ga­ge­ment im Netz, quasi per Mausklick, ver­gleich­bare Macht zu?
Ja. Dieser Pro­zess be­ginnt in Deutsch­land ge­rade. Ich konnte es bei den On­line-Pe­ti­tionen zum Kin­der­schutz im In­ternet, bei der Kam­pagne zur Fi­nanz­trans­ak­tions­steuer und zu­letzt bei der Kan­di­datur von Joa­chim Gauck zum Bun­despräsi­denten sehen und mit be­ein­flussen. Die So­cial Net­works haben einen sehr großen Ein­fluss. Das wird noch mehr werden.
Sie haben sich im No­vember letzten Jahres eine einjährige Aus­zeit ver­schrieben. Nun haben Sie in diesem Jahr ein Buch ge­schrieben, en­ga­gieren sich po­li­tisch, be­streiten Le­sungen aus Ihrem Buch, führen Nacht­gespräche bei Fa­ce­book … Stille meint dem­nach keinen Still­stand?!
Als ich mit dem Sab­ba­tical be­gann, hatte ich ge­dacht: "Ent­weder – oder". Also: ent­weder ganz "Stille" oder ganz "Ar­beit und En­ga­ge­ment". Ich lerne, dass diese Dinge für mich zu­sam­mengehören. Es ist eine Frage der Ba­lance. Ich kann diese Ba­lance nur halten, wenn ich re­gelmäßig "in die Stille gehe", d.h. sie re­gel­recht "einübe". Eine Stunde am Tag, manchmal auch mehr.
Was raten Sie Men­schen, die sich nach Stille sehnen?
Man kann An­ge­bote an­nehmen, in denen man lernt, Stille zu er­leben. Es gibt er­fah­rene Lehrer, die einem helfen, das rich­tige Atmen, die rich­tige Körper­hal­tung, das rechte Hören zu er­lernen. Ein ge­wisses Hand­werks­zeug ist hilf­reich, wenn man das Reich der Stille wirk­lich be­treten will. Das können Me­di­ta­ti­ons­kurse sein, das kann ein Auf­ent­halt in einem Kloster (Kloster auf Zeit) sein. Es ist in­di­vi­duell un­ter­schied­lich. Viel­leicht könnte man mit einem Gespräch be­ginnen. Um her­aus­zu­finden, was der Mensch sucht, der sich nach Stille sehnt …

Fragen: Ge­sine von Pritt­witz, 23. Juli 2010

 

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